Wien also, wenige Monate vor der Europameisterschaft allemal ein interessantes Ziel. Noch dazu das 285. Derby zwischen dem SK Rapid und dem FK Austria. Schon der Gedanke an die Partie dürfte bei den meisten Fußballliebhabern ein gewisses Kribbeln wecken. So ging es voller Vorfreude und Spannung am Dienstagnachmittag zu zweit zum Bremer
Flughafen. Um Geld zu sparen wurde der kleine Umweg über Bratislava in kauf genommen, selbst wenn es nur noch sechs Stunden bis zum Anpfiff sein sollten. Der eineinhalbstündige Flug lief glücklicherweise reibungslos, allein der Bustransfer nach Wien stand nun noch bevor. Von weitem war die slowakische Hauptstadt mit ihrer imposanten Burg bereits zu sehen, leider blieb keine Zeit für eine Besichtigung. Ein andernmal. Netterweise entschied sich der Busfahrer sogar dafür, etwas eher als geplant loszufahren. Statt die mautpflichtige Autobahn zu benutzen, steuerte er jedoch lieber im Schneckentempo durch die beschaulichen Dörfchen der slowakisch-österreichischen Grenzregion. Ein kleines Wunder, dass wir trotzdem fast eine halbe Stunde eher als geplant die Donaumetropole erreichten. Damit blieb sogar noch Zeit, vor dem Spiel den Krempel im Hotelzimmer zu verstauen und sich mit den kulinarischen Möglichkeiten auseinanderzusetzen. In punkto Döner-Hopping konnte am S-Bahnhof an dieser Stelle ein weiterer Länderpunkt gesammelt werden, noch dazu ein ziemlich schmackhafter –
durchaus empfehlenswert. Ohne Stress machte man sich anschließend mit der U-Bahn auf Richtung Hütteldorf, wo der SK Rapid seine Heimat hat. Auf dem Weg nur wenige Fans zu sehen, dafür aber schon einiges an Polizei, die sich an den Bahnstationen formierte. Knapp Stunden vor dem Anpfiff ragen endlich die Flutlichter des Hanappi-Stadion aus der städtischen Dunkelheit – es kribbelt heftiger.
Rund um die Arena relativ wenig los, gemessen an den Erwartungen. Während der Großteil der Grün-Weißen noch bei den umliegenden Saufmöglichkeiten herumlungerte, war von Austria noch nichts zu sehen. Auch ein kleiner Marsch zum Gästeblock, der bereits mit mehreren Bullenketten und Zäunen abgesichert war, brachte keine Erleuchtung. Oder waren die Gäste schon im Stadion? Nicht auszuschließen, obwohl es drinnen sehr ruhig war. Bekannte Gesichter warteten daraufhin am Fanshop auf uns, wo bereits der ein oder andere Hopper in der Kälte stand. Nach einem kleinen Plausch mit den Schwaben bzw. Berlinern entschieden wir uns dann doch für den Innenraum, während draußen noch immer kein
Gästemob zu erahnen war. Immerhin blieb drinnen noch die Möglichkeit zu einem Smalltalk mit einigen Ultras Rapid, die netterweise auch durch den Zaun zu unserem Sektor Aufkleber brachten und Schals anboten. Eine Stunde nun noch zum Spielbeginn, dennoch auch drinnen nichts zu sehen in der Ostkurve, die heute komplett für die Gäste reserviert war – abgesehen von einigen Ordnern und wenigen sitzenden Gestalten. Nervosität macht sich breit, ist etwa ein Boykott möglich? Das wäre überaus schade… Immerhin füllt sich bereits der „Block West“, wie die Kurve der Rapdler genannt wird, recht zügig. Zur Beruhigung inspiziert man erst mal das reichhaltige und relativ günstige Getränkeangebot und freut sich auf ein kühles Bier. Pustekuchen, „EM-Vorbereitung“ heißt es nur, kein Alkohol. Dafür konnte glücklicherweise der Almdudler geschmacklich überzeugen, den es bei einem kleinen Rundgang ersatzweise gab. Plötzlich Lärm von außen, hinter der Polizeikette leuchten erste Bengalen auf. Der Austria-Mob ist da! Passenderweise von unserem Standpunkt auf der Terrasse perfekt zu beobachten, bahnt sich dieser seinen Weg zum Gästeblock. Kurz darauf
fliegen die ersten Böller und Bengalen über die kleine Pufferzone zwischen den Cops hin und her. Völlig unbehelligt bewegen sich vor uns vermummte Rapidler, während die Ordnungsmacht sich auf beiden Seiten der Absperrungen völlig ruhig verhält, auch dann noch als ein Durchbruch von seiten der Gäste droht. In Deutschland undenkbar! So ging es nach dem kurzen „Gefecht“ schließlich auf beiden Seiten wieder Richtung Stadion. Wir nahmen derweil unsere Plätze im Oberrang der Südtribüne ein: Erste Reihe, Mittellinie, perfekte Sicht auf beide Kurven – traumhaft! Wenig später der erwartete Blocksturm der Austria, deren Ultras sich mit heldenhaften Posen zum Zaun stürzen. Erwidert wird das Schauspiel von der anderen Seite passenderweise mit „Ihr seid so lächerlich“-Gesängen. Danach blieb bis zum Spielbeginn für Derbyverhältnisse eher ruhig.
Dann ging es endlich los im ausverkauften Stadion. Die Westkurve hatte das Spiel unter das Motto „Rapid ist wie Musik für mein Leben“ gestellt, was auf einer riesigen Zaunfahne zu lesen war. Dazu wurde eine runde Blockfahne mit dem
Vereinswappen plus Notenschlüssel aufgezogen, darum waren auf Spruchbändern zahlreiche Liebesbekundungen an den Verein zu lesen – vermutlich aus unterschiedlichen Songtexten. Insgesamt weniger als für dieses Stadtduell zu erwarten war, da die Ultras Rapid in diesem Jahr auch noch ihr 20-jähriges Bestehen feiern. Trotzdem schön anzusehen und absolut perfekt umgesetzt. Von den Gästen gab es lediglich Doppelhalter zu sehen, möglicherweise war auch nicht mehr erlaubt. Die Lords Rapid – normalerweise in der Ostkurve –mussten für die Partie übrigens in die Ecke der Nordtribüne umziehen, was sich
durchaus positiv auswirkte, da sie von ihrem Standort aus die Gesänge auf die Tribüne ausweiten konnten. Während von oben zwischenzeitlich Schneefall einsetzte, wurde es auf den Rängen hitziger. Von beiden Seiten gab es zu Beginn vor allem Schmähgesänge gegen den Gegner zu hören, zudem hatten die beiden Torhüter es anfangs nicht gerade angenehm vor der Kurve des Gegners… Die ersten Minuten durfte der geneigte Fußballfetischist einfach nur genießen, denn beide Kurven zeigten wozu sie fähig sind. Rapid zeigte ziemlich früh ein Spruchband „Born to lose“ in den Vereinsfarben des Erzfeindes, welches untermalt durch einen großen „Gruppo Anti Viola“-Schwenker einige Minuten gezeigt wurde. Die Gegenseite konterte per
Spruchband: „Wollt ihr so Mei7ter werden?“ – vermutlich eine Anspielung auf Rapids Protest gegen die Wertung des Altach-Spiels. Anschließend wieder Rapid: „Euer wahres Gesicht: Ihr bringt unsere Leute vors Gericht“ – auch hier kenne ich die Vorgeschichte kenne leider. Ansonsten in beiden Kurven alles was das Herz begehrt: Hüpf- und Klatscheinlagen über den gesamten Block, dazu der eine oder andere grüne Bengalo in der Rapid-Kurve, ganz gemütlich in der Hand geschwenkt. Die Gegenseite begnügte sich mit einigen Kanonenschlägen. Erst
nach einiger Zeit flaute die Lautstärke doch ein wenig ab, wobei Rapid es bei – für deutsche Verhältnisse enorm lauten – Dauergesängen beließ, während von Austria nur noch wenig zu hören war. Derweil konnten die Grün-Weißen auf dem Platz ihre Überlegenheit nicht in Tore ummünzen. Austria dagegen stellte sich ziemlich dumm an und nutzte ihrerseits nicht den Raum zum Kontern aus. Somit 0:0 zur Pause.
Die Halbzeitpause wurde sogleich genutzt, um sich mit einem Koblenzer Hopper bekannt zu machen, der seinen Platz direkt neben uns hatte (Schönen Gruß!). Derweil wurden in der Westkurve eifrig Halter und Fahnen verteilt. Die Austrianer zeigten zeitgleich schon einmal ihr Programm für die zweite Hälfte in Form einer Zaunfahne: „Sprengstoffkommando P-51“. Eine Finte für die Bullen? Oder kündigt man hierzulande ganz dreist seine Pyro-Vorhaben an? Letzteres sollte der Fall sein, was die Ordnungsmacht aber keineswegs interessierte. So gingen zur zweiten Halbzeit zahlreiche Bengalen sowie weißer und violetter Rauch im Block hoch, dazu Doppelhalter und Fahnen – sehr nett
anzusehen. Und, natürlich, auch eine ganze Portion Böller wurde gezündet. Vermutlich auch als Spitze gegen Rapid gemeint, wo der Verein zuletzt eine Aktion gegen die momentane Böller-Mode gestartet hatte. Schick anzusehen war auch die Doppelhalter-Fahnen-Schal-Parade auf der anderen Seite – imposant, aber wieder nicht so umwerfend, wie es für ein Derby zu erwarten war. Akustisch jedenfalls behielt nun Rapid ganz klar die Oberhand, vor allem weil Austria eher
unmotiviert rüberkam. Spruchbänder gab’s auch noch mal, zunächst die Violetten: „Wer am Rasen nicht gewinnen kann, fängt zum Protestieren an“ (zum Altach-Protest), von Grün-Weiß: „Seit 20 Jahren versuchts uns zu kopieren, aber gegen uns werdets immer verlieren!“ – erklärt sich wohl von selbst. Dann war’s irgendwann soweit: Das 1:0 für Rapid (Maierhofer, 66. Minute)! Das Stadion kocht – rund zehn rote Bengalen, allesamt am Zaun stehend aus der Hand gezündet erleuchten die Heimkurve. Trotz Kameraüberwachung keinerlei Vermummung geschweige denn Polizei zu sehen! Anschließend nur noch Gänsehaut: Gesänge beinahe vom ganzen Stadion getragen, dazu eine Westkurve in Höchstform. Bis zum Schluss wurde jetzt durchgesungen, immer wieder mit Unterstützung von grünen
Bengalen und riesigen Schwenkfahnen im Block. Der 2:0-Treffer beseitigte zehn Minuten vor dem Schluss endgültig alle Zweifel. Es durfte gefeiert werden. Auf der anderen Seite zogen nun langsam Ordner vor den Block, die sich fortan mit Böllern bewerfen lassen durften – kein angenehmer Job. Von Polizei aber weiterhin nichts zu sehen – auch dann nicht, als unten das Fangnetz zerlegt wurde und einige Schwarzgekleidete in den Innenraum kletterten – undenkbar zuhause: Vermutlich wäre in Deutschland längst die ganze Kurve brutal geräumt worden. Es blieb aber bis zum Schluss beim Gepose, während der Rest des Stadions schließlich mit der Mannschaft den Derbysieg feierte. Der Gästemob verdrückte sich schnellstmöglich. so blieb es nach dem Spiel am Stadion ruhig.
Zwar wurde gemunkelt, dass in der Innenstadt noch einiges an Action zu erwarten sei. Wir entschieden uns aber für ein gemütliches Feierabend-Bier und traten den Weg zurück zum Hotel an, welches günstig in der Nähe zum Prater lag. Wer nun aber glauben mag, dass es dort nach Mitternacht noch irgendwo ein offenes Lokal geben würde, irrt sich. Unglaublich: Bis auf zwei Rotlicht-Etablissements waren wir nicht mehr erwünscht. So blieb es bei einem letzten Dosenbier und erschöpft ging’s ins Bett. War vermutlich auch besser so, denn der nächste Morgen begann früh. Gegenüber wurde
lautstark ein Gerüst an die Hauswand gekloppt, so dass es nicht schwerfiel, das Hotel um 8 Uhr wieder zu verlassen. Immerhin, strahlender Sonnenschein lud noch zu einer kleinen Stadtbesichtigung ein. Da es für einen richtigen Kaffeehaus-Besuch zeitlich nicht mehr reichen sollte, musste eben eine Bahnhofsbäckerei zum Frühstücken herhalten. Was zunächst schäbig klingt, war aber purer Luxus: Ich kann mich nicht erinnern, einmal so freundlich und zuvorkommend bedient worden zu sein. Dazu eine traumhafte „Melange“ und süßes Gebäck ohne Ende
– sehr empfehlenswert für Kaffeefreunde. Im Schnelldurchgang wurde anschließend die österreichische Landeshauptstadt inspiziert. Der viele Kitsch konnte mich zwar nicht umhauen, trotzdem eine sehr schöne und interessante Stadt. Nicht fehlen durfte vor der Abreise natürlich noch der Besuch in einem der „Bierstüberl“, wo es gut und günstig ein Schnitzel zum Mittag gab – vielen Dank an dieser Stelle für den Tipp an die nette Dame aus dem Fälschermuseum. Von Wien-Schwechat ging schließlich am Nachmittag der Flieger nach Hamburg zurück, noch schneller und unkomplizierter als die Hinreise.
Fazit: Ein äußerst lohnenswerter Kurztrip, der preislich locker unter 150 Euro zu machen war. Zweifellos eine Empfehlung für jeden, der vom überreglementierten deutschen Fußball mal genug hat. Rapid gehört definitiv zu dem besten, was fantechnisch in Europa zu sehen ist, auch fernab eines Stadtduells. Und auch sonst dürfte Wien mit etwas mehr Zeit sicher mal ein Reise wert sein.
Das Video zum Spiel:



Erst einmal, serwas, freut mich, dass es Dir bei uns in Wien gefallen hat!
Bezüglich Choreographien muss ich allerdings sagen, dass schon besseres im Weststadion (=Hanappi-St.) zu sehen war. Sowohl von uns (veilchen) als auch von den Grünlingen. Bei uns wirds wohl am Knedl (=Kohle) gelegen sein, gab vor dem spiel 2 andere größere choreos…
@Stimmung: Für ein Derby in Hütteldorf wars diesmal sogar recht gut. Und zwar auf beiden Seiten! Normalerweise isses beim direkten Duell bisserl zach im Vergleich zu den anderen Spielen gegen Graz oder RedBull Salzburg, wo die beiden Wiener Stadien jeweils kochen!
Von: Kaffeehauspatriot am 26-03-26
um 15:28:22
ich kann größtenteils dem herrn kaffehauspatriot recht geben. stimmungstechnisch nicht übel, von den choreos war ich auch enttäuscht.
ich empfehle einen besuch in der wunderbaren kommerz-arena zu salzburg, wo die besten fangruppen des landes immer ihr bestes geben, um direkt in der brutstätte des modernen fußballs und somit des bösen, ihre visitenkarte abgeben.
sicherlich ein höhehunkt eines jeden auswärstfahrers und vollblutfan.
zuletzt gesehen beim historischen 0:7, bei dem traps „millionentruppe“ einmal so richtig vorgeführt wurde und wo begeiterte rapidfans über 90 minuten hinweg, die heimfans durch lautstarke gesänge demütigten.
ein tag, den ich nie vergessen werde und der mir, sobald ich daran denke, immer ein lächeln ins gesicht zaubern wird.
Von: wirtshausdichter am 31-03-31
um 23:36:58
ach und ihr habt einen wesentlichen tippfehler im text. der block heisst nicht „blick west“ sondern „block west“. sicherlich kein drama, aber …
Von: wirtshausdichter am 31-03-31
um 23:39:49
Der grund das wir violetten keine choreo hatten war der das (weil wir schon so oft scheiss im hanappi gemacht haben) das es uns verboten wurde!
Von: fedayn_95 am 27-07-27
um 23:07:00
also die choreo war sehr gut im gegenteil der veilchen die haben noch nie was können und danke an die LordsRapid gute stimmung
Von: 19UR88 am 10-08-10
um 10:54:32